Liebe, Mia, Sevilla

Kapitel 1: F wie Feiertage

Das Zitat des Tages:

„Besonders an Feiertagen, wie z.B. zu Weihnachten, am Geburtstag, aber auch an persönlichen Jahrestagen, droht Ihren Klienten emotionale Absturzgefahr.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 15f)

Geburtstage konnte ich noch nie ausstehen. Erst recht nicht, wenn sie mitten in der Woche lagen. Mein 27. Geburtstag fiel auf einen Mittwoch – mittiger ging’s nicht. Da ich wusste, dass ich nach der Leitung meines Workshops „Flirten für Großstädter“ zu nichts mehr zu gebrauchen sein würde, hatte ich meinen feierwütigen Freunden schon lange im Voraus zu verstehen gegeben, dass sie sich jegliche Hoffnung auf eine wilde B-Party zu Ehren meines Wiegenfestes abschminken konnten. Für mich gab es einfach nichts zu feiern, weder im engsten Freundeskreis unterhalb der Woche, noch aufgemotzt im großen Rahmen am Wochenende. Mit meiner sorgfältig geplanten Vermeidungsstrategie hätte ich auch fast Erfolg gehabt.

Leider nur beinah, denn meiner besten Freundin Sophia konnte ich damit nicht kommen. Sophia arbeitete als Lehrerin und ließ einem Schwänzen prinzipiell nicht durchgehen. Sie war dabei nicht nur hartnäckig konsequent, sondern zudem auch noch überaus gerissen. So bestand ihr Geburtstagsgeschenk darin, mich zusammen mit ihrem, vor einem Vierteljahr frisch geehelichten Gatten, dem Langweiler Lukas, zum Essen auszuführen. Im vollen Bewusstsein, dass ich diesen flotten Dreier mit Sophia und ihrem Lebenspartner – das Wort „Ehemann“ ging mir immer noch nicht über die Lippen – anders nicht würde durchstehen können, hatte ich am Dienstag schnell noch einige Piccoloflaschen Sekt auf Vorrat gekauft.

Am Mittwochabend leerte ich allein zu Hause vorsorglich schon die ersten beiden als Vorspeise. Trinktechnisch etwas aus der Übung, hatte ich die Nebenwirkung des Alkohols auf mich vergessen: Das Wummern in meinem Hirn nahm minütlich zu, die Kopfschmerzen wurden stärker und zu allem Überfluss fingen auch noch meine Synapsen zu piepen an. Es dauerte peinlich lange, bis ich begriff, dass mein angebliches Gehirngewitter in Wirklichkeit nichts anderes als das Läuten meiner Klingelanlage war. Ich schleppte mich zur Wohnungstür und öffnete sie vorsichtig einen Spaltbreit.

„Mia, bist du taub? Wir klingeln schon seit einer Viertelstunde. Komm, Liebling.“

Sophia schob erst Lukas in mein Apartment, bevor sie es dann selbst betrat und die Tür leise hinter sich schloss. Lukas machte ein entschuldigendes Zeichen und wurde mir dadurch für einen Augenblick fast schon sympathisch. Ihm schien der Überfall seiner Frau ähnlich unangenehm zu sein wie mir. Als Sophia vor mir stand, starrte sie mich erschrocken an.

„Mia, was hast du mit deinem Haar gemacht?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ein kleines Geburtstagsgeschenk an mich selbst.“ Ich imitierte den typischen Tonfall von Werbeclips: „Directions, die Coloration, die Sie nur beim Frisör Ihres Vertrauens erhalten.“

„Du hast so schöne lange Haare, aber warum färbst du sie dir ausgerechnet pink?“

„Midlifecrisis“, witzelte ich.

„Nee, Süße, geht gar nicht! Und überhaupt, wie siehst du aus? Die ‚La Bodega‘ ist ein besseres Restaurant, du solltest dich dementsprechend schon etwas stylen.“

Der vorwurfsvolle Unterton war unüberhörbar. Sophia selbst nahm ihn anscheinend ebenfalls wahr, denn als sie fortfuhr, gab sie ihrer Stimme einen deutlich wärmeren Klang.

„Komm, die Zeit nehmen wir uns. Zieh dich ruhig noch einmal um!“

Sophias freundlich-verbindliches Timbre gefiel mir jedoch noch weniger. Aber, was sollte ich tun? Meine beiden Gäste ließen mir sowieso keine Wahl. Mit großer Selbstverständlichkeit hatten Lukas und Sophia sich mittlerweile einen Platz auf meinem Sofa im Wohnzimmer freigeräumt. Anschließend machten sie sich dort in demonstrativer Wartehaltung breit.

Ich floh in mein Schlafzimmer.

Kaum stand ich vor dem Kleiderschrank, schien das Kopfkissen meinen brummenden Schädel verführerisch zu sich zu rufen. Wie gerne hätte ich mein müdes, pink umrahmtes Haupt auf meinem Bett auskuriert! Doch das ließ Sophia bestimmt nicht zu. Richtig.

Wie zu erwarten, enterte sie weniger als gefühlte zwei Minuten später mein Schlafzimmer. Furiengleich bugsierte sie Lukas und mich erst auf den Hausflur hinaus und nach kurzer Autofahrt in das teure spanische Feinkostrestaurant ‚La Bodega‘ hinein. Auch dort hatte meine Freundin alles unter Kontrolle: Sie bestellte für uns drei ein mehrgängiges, vermutlich sehr kostspieliges Menü, erzählte geistreiche Anekdoten über die Schule im Allgemeinen und ihre Referendare im Besonderen, präsentierte sich als aufmerksame, charmante Gastgeberin, kurz, sie gab ihr Bestes, den Abend schön für mich zu gestalten. Doch leider entfalteten ihre gutgemeinten Bemühungen nicht so richtig die gewünschte Wirkung. Ich fühlte mich zunehmend unwohl, litt dabei aber gleichzeitig an Gewissensbissen Sophia gegenüber. Wäre ich aufmerksamer gewesen, hätte ich die Vorboten des Eklats bereits im Vorfeld erahnen können. Aber irgendwie hatte mich Sophia komplett überrollt und dadurch meine innere Alarmanlage ausgeschaltet. Später machte sie Lukas Vorwürfe. Aber ich fand, dass er unschuldig an unserem Streit war. Der arme Kerl hatte beim Dessert einfach nur das Thema angesprochen, das mich sowieso die ganze Zeit beschäftigte. Sein einziger Fehler, wenn überhaupt, bestand höchstens darin, dass er nicht mitbekommen hatte, wie zartfühlend meine Freundin meine ganz persönlichen Killing Fields zu umschiffen versuchte.

„Und, Mia, wenn du jetzt eine Bilanz deines bisherigen Lebens ziehen müsstest: wie fühlst du dich mit siebenundzwanzig?“

„Lukas, nicht doch. Entschuldige bitte, Mia.“

Ich konnte nicht anders und trompetete trotzig die unglücksselige Antwort heraus, die den gesamten Abend torpedierte: „Ich fühle mich nicht gut. Ehrlich gesagt geht’s mir beschissen. In meinem Leben ist alles schief gelaufen. In jeglicher Hinsicht. Hat doch alles nichts gebracht.“

Stille. Treffer versenkt.

Lukas legte das Besteck zur Seite und schaute mich halb ungläubig, halb ängstlich an. Ich sah ihm an, dass es sein Weltbild erschütterte, das eine Psychologin mit abgeschlossenem Studium so depressives Zeug von sich gab. Sophia gabelte stoisch weiter. Nur ihre senkrechte Falte mitten auf der Stirn verriet sie. Plötzlich kam ich mir jämmerlich vor. König Alkohol hatte meine Selbstkontrolle vor die Hunde gehen lassen.

„Aber … doch, doch, insgesamt ist es eigentlich schon ganz okay“, ruderte ich ungeschickt zurück, versuchte den Fehler wieder gutzumachen. Lahmes Manöver gegenüber einer langjährigen Studienfreundin. Nein, das traf es nicht so ganz. Sophia war viel mehr gewesen als eine alte Bekannte. Damals an der Uni waren wir sogar so dicke miteinander, dass es uns nur im Doppelpack gab. Was unsere Kommilitonen dazu veranlasste, uns die siamesischen Zwillinge zu nennen. Mit einem Mal wurde mir ganz wehmütig zumute. Ich erinnerte mich an den Tag, an dem Sophia und ich uns kennengelernt hatten. In der Uni-Mensa. Noch genauer: Beim Warten auf den Schlag vegetarischer Bolognese in der Bio-Schlange. Wir befanden uns damals beide bereits im Hauptstudium. Einem total chaotischen Hauptstudium, denn es war die Zeit diverser Hochschulreformen und wechselnder Prüfungsordnungen. Sophia und ich hatten uns gegenseitig dabei unterstützt, dennoch die jeweils richtigen Creditpoints und Seminarscheine zusammenzukriegen, ohne bei der Zuordnung wahnsinnig zu werden. Der Kampf gegen bürokratische Windmühlen hatte uns vor allem in der Examensphase zusammengeschweißt.

Aber jetzt saßen wir hier, dinierten zu dritt in diesem Edelschuppen und schwiegen uns dabei vorwurfsvoll an. Die ganze Szene hatte etwas von einem absurden Theaterstück. Ich blickte immer wieder möglichst unauffällig zu meiner eleganten Freundin, meiner früheren Vertrauten, und musste mir eingestehen, dass sie mir ziemlich fremd geworden war. Keine Ahnung, wann genau es passiert war, doch wir hatten uns nach dem Studium wohl auseinandergelebt. Sobald der Druck von außen nachgelassen hatte, drifteten wir innerlich auseinander. Vermutlich lag es an unserem unterschiedlichen Charakter. Während ich noch nie so richtig gewusst hatte, wo ich eigentlich hinwollte, hatte Sophia ihr Leben schon von Anfang an fest im Griff gehabt. In jeglicher Hinsicht, sowohl beruflich als auch privat. Nur zu gut erinnerte ich mich an die Hochzeit, die sie und Lukas vor drei Monaten wahnsinnig aufwändig gefeiert hatten. Dass sie heiraten wollten, überraschte niemanden. Als Beamten auf Lebenszeit am selben Gymnasium tätig, saßen beide fest im Sattel. Ein fürchterliches Fest, sehr pompös mit Familie und Kollegen, und als eine Art abschreckendes Beispiel waren auch noch die paar übriggebliebenen Single-Freunde eingeladen. Trotz des grässlich steifen Ambientes kamen mir beim Überziehen des Ringes dennoch fast die Tränen. Ich hatte das gemacht, was ich immer tat, wenn es mir zu sentimental wurde: Ich suchte einen Anlass, um zu lachen. Den hatte ich schnell gefunden, denn ich fand es überaus spaßig mitanzusehen, wie ungeschickt Lukas mit aller Gewalt den Trauring über Sophias Fingerknöchel quetschte. Ich sah dem Gesicht der Braut an, dass es ihr richtiggehend wehtat. Das wäre doch einmal eine Schlagzeile für die Bild gewesen: ‚Trauring verursacht Knöchelbruch: So machen Sie den Juwelier haftbar‘. Ich grinste, doch als Sophia Lukas, sobald der Ring saß, glücklich küsste, drohten meine Augen schon wieder überzuschwappen. Energisch wischte ich mit Tempos dagegen an, während ich gleichzeitig „Apfelsinen“ murmelte, um meinen Sinn für Humor zu beschwören. Meine Strategie hatte zum Glück auch ein zweites Mal funktioniert. Die Tränen versiegten, das rettende Wort hatte mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Was wir als bessere Hälfte bezeichneten, nannte man im Spanischen mi media naranja: meine halbe Orange. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich damals dachte: Da stehen nun meine beiden Apfelsinen vor dem Schreibtisch des Standesbeamten und unterschreiben den Knastvertrag für die Obstkiste.

Während meiner ausschweifenden Tagträumereien hatte Lukas sich allmählich wieder gefangen. „Warum bist du denn unzufrieden?“ Seine Frage beamte mich aus der Vergangenheit hinaus und ließ mich recht unsanft wieder im Restaurant landen.

Was konnte ich zu meiner Verteidigung sagen? Ich war müde, traurig und sentimental. Und so antwortete ich das Erstbeste, was mir in den Kopf kam.

„Dieses Restaurant hier hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit einer spanischen Bodega!“


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Sigrun Dahmer – Liebe, Mia, Sevilla

Sigrun Dahmer stammt ursprünglich aus Bochum. Doch sie war schon immer ein Zugvogel: Paris, U.S.A., Spanien und dann Köln. Doch dort blieb sie nur solange, bis sie erneut, diesmal zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern, vom Reisefieber gepackt wurde: 2013 verabschiedete sich die ganze Familie aus Deutschland, um ein Sabbatical in Las Palmas zu verbringen.

Passend dazu spielt ihr Roman Liebe, Mia, Sevilla mitten im schönen Andalusien und handelt von einer etwas anderen Auswanderin …

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