Ein Mitbewohner zum Verlieben

Kapitel 1

„Wir kennen uns seit der Schulzeit! Seit der Grundschule! Wie lange sind wir jetzt schon befreundet …?“ Ich tat, als müsste ich überlegen.

Daniel biss sich auf die Unterlippe.

„Seit beinahe zwanzig Jahren!“

„In der Grundschule waren wir noch gar nicht befreundet!“, rief mein angeblich bester Freund aus. „Maja, es tut mir wirklich, wirklich leid. Aber ich kann dich nicht hier wohnen lassen.“

Die Endgültigkeit in seiner Stimme trieb mir zum wiederholten Male an diesem Tag Tränen in die Augen.

„Oh nein, bitte nicht heulen!“

Ich zog die Nase hoch und kämpfte die Tränen zurück. „Wenn, dann heule ich nicht wegen dir! Obwohl du genau das verdient hättest! Heute ist der schlimmste Tag meines Lebens und ich verlange nicht mal von dir, dass du dich mit mir betrinkst oder von Club zu Club ziehst. Nicht mal verbalen Trost. Nur das blöde zweite Zimmer deiner WG, das sowieso seit zwei Wochen leer steht!“

„Jetzt nicht mehr.“

Vor Schreck vergaß ich zu atmen.

„Das Zimmer ist weg“, fuhr Daniel fort.

„Weg?“, echote ich.

„Ich habe seit zwei Tagen einen neuen Mitbewohner.“

Mit einem Mal wich jegliche Kraft aus meinem Körper. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Flurwand. Mein Blick blieb an der großen Reisetasche hängen, die ich in Eile mit den nötigsten Sachen vollgestopft hatte.

Ich war so sicher gewesen, dass ich in Daniels WG unterkommen könnte. Was jetzt? In ein Hotel? Die Vorstellung tat sich wie ein finsterer Abgrund vor mir auf. Ich sah mich ganz allein in einem kühlen, unpersönlichen Raum sitzen. Wahrscheinlich würde ich mir vor lauter Einsamkeit und unverarbeiteter Trauer Alkohol aufs Zimmer bestellen und dabei nicht nur mein dürftiges Gehalt vertrinken, sondern gleichzeitig zur Alkoholikerin werden.

„Warum fährst du nicht zu deinen Eltern?“

Ich kratzte meinen letzten Rest Energie zusammen, um Daniel böse anzufunkeln. „Du weißt genau, dass die mittlerweile im letzten Kuhkaff wohnen.“ Trotzdem besaß die Vorstellung, mich so richtig bemuttern zu lassen, einen gewissen Reiz. Aber länger als fünfunddreißig bis vierzig Minuten am Tag hielt ich diese Fürsorglichkeit auch nicht aus. Und den Rest des Tages säße ich dann zwei Zugstunden von meiner Arbeit und meinen Freunden entfernt zwischen Pferdeställen und Heuballen in der Ödnis fest.

„Was ist mit deiner Freundin von der Arbeit, dieser Elena?“, bemühte Daniel sich weiter, mir Alternativen aufzuzeigen und somit sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. „Kann sie dich nicht für ein paar Tage aufnehmen?“

„Die wohnt mit ihrem Freund zusammen und beschwert sich ständig, dass der Platz schon für zwei Personen nicht reicht.“

„Ach stimmt, hast du mal erzählt. Und Nadine? Mit der bist du doch auch schon seit der Schule befreundet.“

„Die ist gerade in Frankreich, Auslandssemester.“

„Oh… okay. Wer käme denn noch in Frage? Ich kenne ja leider sonst keine Freunde von dir.“

„Weil ich sonst keine Freunde habe. Danke, dass du mich daran erinnerst.“ Der schlimmste Tag meines Lebens wurde tatsächlich immer schlimmer. Jetzt war ich nicht mehr nur tieftraurig und verlassen, sondern merkte auch, dass es mit meinen selbsternannten Wir-sind-immer-für-dich-da–Freunden nicht wirklich weit her war.

„Okay, stopp!“, befahl Daniel in diesem Moment. „Du hörst sofort auf, dich im Selbstmitleid zu suhlen. Du hast schließlich jede Menge Freunde! Du kennst doch so viele Leute von der Uni.“

„Nur weil ich mit denen studiere und wir ab und zu gemeinsam in der Mensa essen, kann ich noch lange nicht bei denen einziehen!“, rief ich lauter als beabsichtigt. Ich zwang mich, ein paar ruhige Atemzüge zu tun, bevor ich weitersprach. Ich musste jetzt praktisch denken. Alles Selbstmitleid, jegliche falsche Scham beiseiteschieben und alles auf eine Karte setzen. Ich blickte Daniel entschlossen in die Augen. „Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“ Ich zögerte, weil mir jetzt schon Leid tat, was ich gleich sagen würde: „Wirf ihn raus.“

„Was?“

„Wenn es sich bei deinem neuen Mitbewohner nicht um deine todkranke Mutter handelt – und wir beide wissen, dass du deine Mutter, selbst wenn sie krank wäre, niemals bei dir wohnen lassen würdest – muss es doch möglich sein, dass du ihm die Lage erklärst. Und ihn höflich darum bittest, sein Zimmer wieder aufzugeben. Du sagst, er wohnt erst seit zwei Tagen hier, wahrscheinlich hat er sich noch gar nicht eingelebt und findet es gar nicht so schlimm, sich noch mal nach was Neuem umzusehen.“

„Du … das ist nicht dein Ernst, oder? Egal, wie sehr du versuchst, es dir schönzureden: Niemandem macht es nichts aus, zwei Tage nach dem Einzug wieder aus der Wohnung geworfen zu werden!“

„Na ja, Rauswerfen ist im Grunde ja auch das falsche Wort … Du könntest einfach mal in Ruhe mit ihm reden. Oder wir alle zusammen. Genau! Ich erkläre ihm die Lage und du -“

„Maja“, unterbrach mich Daniel. „Das geht nicht. Wenn er irgendjemand wäre, ein Fremder, den ich über eine Annonce gefunden hätte, ja, dann würde ich das für dich tun. Ich schwöre, ich würde ihn irgendwie für dich loswerden. Aber mein neuer Mitbewohner ist auch ein Freund von mir und … ehrlich gesagt glaube ich, ihm geht es noch viel schlechter als dir. Du hättest vorher anrufen sollen, Maja. Dann hätte ich dir die Lage erklärt und du hättest noch ein paar Tage bei Leon bleiben können.“

„Das hat er mir auch angeboten, aber das kann einfach nicht euer Ernst sein!“ Meine Stimme kletterte mindestens zwei Oktaven nach oben.

Daniel hob entschuldigend beide Hände. „Nur bis du etwas Neues gefunden hast. Zumindest würdest du dann jetzt nicht auf der Straße stehen. Was ist eigentlich zwischen euch passiert, dass du Hals über Kopf aus der Wohnung geflohen bist?“

„Findest du, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um dir mein Herz auszuschütten? Hier, auf deinem WG-Flur mit diesen hässlichen grünen Wänden? Ich obdachlos und du auf dem besten Weg, unsere Freundschaft auf dem Gewissen zu haben?“

„Jetzt beruhig dich aber mal wieder!“

Ich atmete tief ein und wieder aus. Und tatsächlich brachte mich das auf einen neuen Einfall. „Okay. Ich bin ruhig. Und ich spreche jetzt selbst mit deinem ominösen Mitbewohner.“ Ich quetschte mich an Daniel vorbei und lief eilig den langen Flur entlang. Mein Ziel war die erste Tür auf der rechten Seite, direkt hinter einem kleinen Schuhschrank. Ich streckte die Hand nach der Klinke aus, als Daniel mich plötzlich am Arm packte und zurückriss.

„Das kannst du nicht machen!“, zischte er. „Es geht ihm wirklich nicht gut. Die zwei Tage, die er jetzt hier ist, habe ich ihn kaum zu Gesicht bekommen. Ich glaube, er ist depressiv.“

„Depressiv?“ Ich zwang mich, nicht hysterisch aufzulachen. „Über wen reden wir hier eigentlich? Kenne ich ihn?“

Daniel wich meinem Blick aus. „Du solltest lieber gehen.“

„Ich habe dich was gefragt!“

„Nei… ja“, presste er hervor. Er hatte noch nie lügen können. Doch allein die Tatsache, dass er es versucht hatte, gab mir zu denken.

„Wer ist es?“

Daniel sah zu Boden. Fehlte nur noch, dass er sich gleich die Ohren zuhielt und zu summen anfing.

Mein Blick wanderte von Daniel zu der cremefarbenen Zimmertür und wieder zurück zu Daniel.

Da sah mich mein bester Freund plötzlich wieder an. „Kannst du mir nicht einfach vertrauen und glauben, wenn ich dir sage, dass es besser wäre, wenn du gehen würdest?“

„Nein!“ Mir war bewusst, dass ich schon wieder laut wurde und womöglich auch ein kleines bisschen überreagierte. Doch meine Selbstbeherrschung hatte ich heute, so schien es, am Frühstückstisch zurückgelassen.

„Maja, willst du jetzt auch noch Streit anfangen?“

„Wir sind doch schon längst mittendrin!“

Plötzlich hörte ich, wie hinter mir die Tür geöffnet wurde. „Falls es euch noch nicht aufgefallen sein sollte: Ihr seid extrem laut. Und ich hätte gerne meine Ruhe.“

Während ein Teil meines Gehirns grübelte, woher ich diese kühle Stimme kannte, fragte sich der andere, warum Daniel die Person hinter mir mit einem derart entsetzten Gesichtsausdruck anstarrte.

Ich fuhr herum und starrte ebenfalls. Gleichzeitig begann mein Herz wie verrückt zu schlagen.

Es war Felix.

Dieser siebenundzwanzigjährige Felix sah ein wenig anders aus als der neunzehnjährige Felix, den ich in Erinnerung hatte. Trotzdem erkannte ich ihn sofort wieder. Und plötzlich nahm dieser Tag, der bisher der schlimmste meines Lebens gewesen war, eine unerwartete Wendung. Er wurde zu dem Tag, den ich mir während der letzten acht Jahre immer mal wieder ausgemalt hatte, ohne wirklich daran zu glauben, dass er sich jemals ereignen würde.


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Fiona Winter – Ein Mitbewohner zum Verlieben – Was sich liebt, das neckt sich

Da Fiona Winter schon früh eine große Leidenschaft für das Schreiben hegte, absolvierte sie noch während der Schulzeit einen zweijährigen Schreiblehrgang.

Nach der Schulzeit studierte sie Englisch, begann später außerdem ein Psychologiestudium und schrieb ihre ersten Romane. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Frankfurt und arbeitet als freiberufliche Übersetzerin.

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